Gelebte Tradition… oder doch nicht!
Sonntag, 14.9.
War vorhin koreanisch essen: Saumäßig scharf. Und wieder dieses eine Ding, das ich nach wie vor äußerst unpraktisch finde: Durch die Schärfe läuft jedem die Nase, incl. Mir – und alles schnieft, keiner putzt. Sehr unangenehm…
Aber zum Ernst:
In Japan vereinigen sich Tradition und Moderne – wird immer geschrieben. Soso… gut, ich muss sagen, dass ich zu Hause nie jemanden in der Tracht einfach so habe herumlaufen sehen. Hier kam es immerhin ab und zu mal vor, dass man eine ältere Frau im Kimono sah.
Heute war im Ohori-koen Traditionsfest.
Wagen wir mal den Vergleich:
| Wir befinden auf dem (hier fiktiven) Stadtfest Achern. Die SG Achern-Fautenbach brät Steaks und verkauft Pommes, der TV Oberachern macht Waffeln und bedient den Pilsstand. Vor der Bühne stehen Bierbänke. Die Kinder haben ne Hüpfburg. Die Besucher sind entweder über 50 oder Familien mit kleineren Kindern bis ca. 12 Jahren. Die Kinder rennen herum, spielen Fußball etc. Die Grundschule hat auch was vorbereitet und trägt es vor, in den ersten Reihen die stolzen Eltern, die sie fotographieren. Auf der Bühne bietet der Heimatverein Wagshurst einen Brauchtumstanz auf. Anschließend spielt das Akkordeonorchester Kappelrodeck. Kaum einer darin ist unter 40, bei den Brauchtumstänzern sind höchstens noch die Kinder in der Tracht da. Der Hausfrauenbund Sasbachried backt neben der Bühne Holzofenbrot. | Wir befinden uns im Ohori-koen Fukuoka. Eine große Bühne, davor viele Stühle. In einer langen Zeltreihe werden so eine Art Bauchspeck und japanische HotDogs gegrillt. Getränke gibt es keine. Die Kinder tollen herum, spielen Baseball oder Fußball hinter der Bühne; manche stehen wie gebannt vor der kleinen Lostrommel, die beworben wird. Die Besucher sind älter, Familien mit Kindern sind da. Jugendliche und junge Erwachsene sind kaum vorhanden.Viele ältere Frauen tragen Kimono, manche sind auch weiß geschminkt, ähnlich einer Geisha. Auffällig, dass diese Frauen meist gleiche Kimonos tragen, uniformähnlich. Dabei gibt es verschiedene Gruppen, jede hat ihren eigenen Kimonostil, ihre eigene Uniform. Ich nenne sie mal Hausfrauenvereine. In der einen Ecke macht der Hausfrauenverein Juko-ju (Stadtviertel von Fukuoka – der Name ist fiktiv) die Teezeremonie; eine ältere Dame erklärt den Zuschauern, was passiert. Ein Stückchen weiter wird Ikebana gemacht, vom Hausfrauenbund Akasaka. Alle mittleren Alters und älter.Auf der Bühne stellt währenddessen der Budo-Club Martial-Arts vor. Anschließend tanzt ein Kabukitänzer, danach spielt der Gitarrenclub (japanische Gitarre, weiß nicht, wie die heißt). Keine der Spielerinnen ist jünger als 50. Die Zuschauer applaudieren immer wieder, sitzen auf den Stühlen, essen einen Bratspieß; viele fotographieren.Auf der Bühne erklärt eine andere ältere Dame, wie eine Prinzessin ausgesehen hat (glaube ich zumindest, dass sie das gesagt hat). Vier junge Frauen in teuer aussehenden Kimonos und sehr würdevoller Haltung betreten die Bühne. Es wird Ikebana hereingetragen, eine große Vase, eine lackierte Plastikschale usw.
Zwischendurch haben auch Schulkinder so etwas wie Gedichte vorgetragen, die Eltern kamen vor die erste Stuhlreihe, knieten nieder und fotographierten. |
Was will ich mit dieser gegenüberliegenden Beschreibung sagen: Uns Europäern wird Japan oft als ein Land nähergebracht, das seine alten Traditionen lebt. Nachdem, was ich heute gesehen habe, stellt sich die Situation nicht viel anders dar als bei uns.
Die Masse an Menschen, die in den Ohori-koen gekommen ist, zeigt, dass ein reges Interesse an der Tradition besteht, wohl aber auch, dass eben diese Masse selbst wenig Ahnung von diesen Traditionen hat oder sie nicht aktiv betreibt. Die vielen Fotographen zeigen, dass diese Zeremonien und Vorführungen nicht mehr zum Alltag gehören und etwas besonderes sind.
Das Traditionsfest wird mit Essständen garniert, das Fest zum Familienausflug. Die Hausfrauenbünde haben offensichtlich ihre Nachwuchsprobleme; die vier jungen Damen dagegen werden interviewt und erzählen, dass sie Studenten seien, und eine arubeitu hätten. Sonst besteht die ganze Sache mehr aus der älteren Generation. Nachwuchsprobleme haben die scheinbar genau so wie die deutschen Heimatbünde auch.
Die ganze Sache ist also keinswegs gelebte Tradition, sondern genauso wie bei uns gelebter Folklorismus: Man stellt sich zur Schau, impliziert, dass man Bräuche und Traditionen lebt – nicht viel anders zu Hause: Beim Heimattag oder am Fastnachtsumzug stellt man sich zur Schau – und jeder spricht davon, dass man Bräuche lebt – angeblich. Brauch aber, wie er hier dargestellt wurde – sei es in Deutschland oder in Japan – ist Unterhaltung und Vorführung.
So, mal kleiner Ausflug in die Brauchanalyse – um mal kurz den examinierten Kulturwissenschaftler raushängen zu lassen. Nichtsdestotrotz, beeindruckend war es trotzdem.
Anbei ein paar Bilder.
- Hausfrauenverein Juko-ku
- Teezeremonie – Hausfrauenverein Jujo-ku
- Lostrommel für Kinder
- Vorführung der teueren Kimonos
- Schüler sagen Gedichte auf
- Kimonoverein Fukuoka
- Die vier wertvollen Kimono – rechts die Prinzessin
- Sehr beeindruckend
- Hausfrauenbund Akasaka
- Fressbuden I
- Fressbude II
- Das ganze Fest
Anbei auch zwei Videos (Sorry für die Wackler, war mit nem großen Zoom)













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